KW-17-2016: Leonard Cohen – Live in Saarbrücken – von Christof Graf. Eine kleine Erinnerung an ein Konzert Leonard Cohens heute vor 40 Jahren am 2. Mai 1976 in der Saarbrücker Saarlandhalle..

LEONARD COHEN IN SAARBRÜCKEN 1976

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I. Introduction

Nicht zuletzt um die immer wiederkehrende Frage nach seinem Verbleib zu beantworten, begab sich Leonard Cohen im Frühjahr 1976 auf seine mit 56 Konzerten bis dahin längste Tournee, die »Tour Of Europe«. Nach ihrem Start am 22. und 23. April in der Berliner Philharmonie führte sie ihn durch elf europäische Länder. Die Berliner Zeitung berichtete von einem »20minütigen Donner-Applaus«, nach dem Cohen noch einige Zugaben gab, und der Kritiker der Berliner Morgenpost sprach von »schärferen, härteren, auch melodischeren Songs«. »Der ruppig-eintöni-ge, wenn auch immer stimmige Singsang der frühen Jahre löst sich auf in befreiende, mitunter auch fetzende Musikalität. [. . .] Und plötzlich, ohne Vorwarnung, singt er deutsch: >Die Gedanken sind frei<, von Cohen empfunden, auf der Gitarre begleitet – das könnte fast ein neues Protestlied gegen alle Unbill werden. Mit der Unberechenbarkeit des Hochsensiblen artikuliert Cohen seinen Weg in den Frieden, die Liebe, die Freundschaft. Lyrischer Schmelz, auf eine intellektuelle Höhe stilisiert – das macht ihm so schnell nun doch keiner nach. Doch seine Romantik hat Stacheln […], ist erfüllt von verbalen Symbolbildern einer Welt, die langsam in Scherben fällt. Auch Cohen weiß, daß er sie nicht retten kann. Um so mehr will er die Erinnerung an sie wachhalten.«

Während seiner Deutschland-Konzerte gab Cohen den Medien keinen Anlaß mehr, sich wie früher über seine Anspielungen auf die Nazi-Ver-gangenheit auszulassen; nur in seinen zahlreichen Interviews brachte er das Thema noch zur Sprache. In ihnen wurde Cohen auch auf seine vielen Anhänger in Deutschland angesprochen und darauf, was seiner Meinung nach seine besondere Anziehungskraft auf Frauen ausmache, die während dieser Zeit in großer Zahl nach Hydra reisten und einen wahren Fankult betrieben. Nicht zuletzt der Selbstmord eines weiblichen Fans gab ihnen dazu Anlaß. Auf eine entsprechende Frage antwortete Cohen: Sie kam spätnachts an; wir kannten sie vorher nicht. Sie brauchte offenbar etwas Gesellschaft und etwas Essen. Damit konnten wir aushelfen. Sie hatte eine zarte, zerbrechliche Art. Aber ihre Gegenwart am Abendtisch war sehr angenehm. Wir sahen sie zwei- oder dreimal. Eines Tages hörten wir, daß sie an einem Strand bei Athen ertrunken sei. Mehr weiß ich nicht. Ich glaube nicht, daß sie etwas Besonderes von mir gewollt hat. Sie hat etwas gesucht, das sie auf dieser Welt nicht finden konnte – oder vielleicht doch gefunden hat.

Bis heute erklärt Leonard Cohen immer wieder, daß die Vorstellung der Medien, er sei ein sensibler und empfindsamer Dichter, falsch ist. Ich kenne einige Männer, die wirkliche Dichter sind. Ich meine damit nicht die Schriftsteller, deren Zeilen keine Seite füllen. Ich meine Männer, die ein starkes Bild von sich selbst, ein Gefühl für das Drama ihrer eigenen Existenz besitzen. Wichtig ist nicht, ob sie Lösungen oder Pläne haben, sondern daß sie ihre innere Landschaft kennen. Um sich dort auszuken-nen, muß man Fehler in Kauf nehmen, braucht man Zähigkeit, Arroganz und Isolation. Das sind Dinge, die anderen Männern Niederlagen bescheren. Der Dichter, der diesen Weg findet, ist strenger, stärker, brutaler und vielleicht auch dümmer als die anderen, die sich nicht so sehr im Griff haben.

II. Die Europatournee 1976

22.04. Berlin, Philharmonie

23.04. Berlin, Philharmonie

24.04. Hamburg, Congress Centrum

25.04. Frankfurt, Jahrhunderthalle

27.04. Ludwigshafen, Friedrich-Ebert-Halle

28.04. Münster, Halle Münsterland

30.04. Düsseldorf, Philipshalle

01.05. Köln, Messehalle B

02.05. Saarbrücken, Saarlandhalle

04.05. Mainz, Rheingoldhalle

06.05. Stuttgart, Liederhalle

07.05. Stuttgart, Liederhalle

08.05. München, Zirkus Krone

09.05. München, Zirkus Krone

11.05. Dublin, National Stadium

12.05. Oxford, New Theatre

13.05. Leicester, DeMontfort Hall

14.05. Sheffield, City Hall

15.05. Glasgow, The Apollo

16.05. Edinburgh, Usher Hall

17.05. Newcastle, City Hall

18.05. Southport, Southport Theatre

19.05. Manchester, Free Trade Hall

20.05. Birmingham, Town Hall

22.05. Plymouth, ABC

23.05. Portsmouth, Guildhall

24.05. Bristol, Colston Hall

25.05. London, Royal Albert Hall

29.05. Oslo

30.05. Göteborg, Scandinavium

31.05. Amsterdam, Concertgebouw

[??].[??]. Kopenhagen

04.06. Paris, Olympia

05.06. Paris, Olympia

06.06. Paris, Olympia

07.06. Paris, Olympia

09.06. Reims

10.06. Brüssel

14.06. Wien, Stadthalle

15.06. Graz, Liebenauer Eishalle

16.06. Linz, Brucknerhaus

18.06. Nürnberg, Meistersingerhalle

19.06. Karlsruhe, Schwarzwaldhalle

21.06. Zürich, Kongresshaus

22.06. Zürich, Kongresshaus

23.06. Strasbourg

24.06. Nancy

25.06. Montreux, Casino de Montreux („10. Montreux Jazz & Blues Festival“)

28.06. Besançon

29.06. Dijon, Jazz & Folk Festival

30.06. Lyon

03.07. Wien, Konzerthaus

03.07. Wien, Arena

04.07. Wien, Arena

06.07. London, New Victoria Theatre

07.07. London, New Victoria Theatre

III. Die Musiker

                         Sid McGinnes             guitar

                        Johnny Miller             bass

                        Luther Rix                   drums

                        Fred Thaylor              keyboards

                        Cheryl Barner            vocals

                        Laura Branigan          vocals

IV. Das Saarbrücker Konzert

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Foto: Hartung/ mit freundlicher Genehmigung der Saarbrücker Zeitung

Leonard Cohen war eben schon immer »Einer, der aus der Reihe singt«, wie die Saarbrücker Zeitung anläßlich seines Konzerts am 2. Mai 1976 in der Saarbrücker Saarlandhalle (wo heute noch ein handsigniertes Konzertplakat im Backstage-Bereich hängt) feststellte.

»Auftritt eines Stars« betitelte die Süddeutsche Zeitung ihre ausführliche Konzertkritik. »Die Bühne [. . .] bleibt in unfreundliches Halbdunkel getaucht, wenn Leonard Cohen mit ein paar federnden Schritten an sein Mikrophon trabt. Die Zeigefinger zweier Scheinwerfer suchen den Mann, der dort vorne jetzt die rechte Hand zu einer dezent-militärisehen Geste an die Stirn führt – ein beinahe schüchterner Gruß für die etwa 3000 Fans in der vollbesetzten Saarlandhalle.« »Auftritt eines Stars?« fragt der Rezensent, ehe er sich über Cohens »schrecklich altmodische Hosen mit dem Bund über den Nabel« ausläßt, um schließlich wieder auf das altbewährte Bild des »Einsamen, des Schwierigen, des Zerissenen« und des »stillen Rebellen« zurückzugreifen. Doch schnell wird der Autor wieder sachlich und widmet sich dem Konzert: »Und er beginnt, ganz unspektakulär, mit dem Song, mit dem er alle seine Konzerte zu eröffnen pflegt: >Bird On The Wire<. [. . .] Und so besingt er in seinen merkwürdig monotonen und dennoch nie spannungslosen Liedern, die Elemente des Blues, der Country Music und des Rock vereinen, mit Vorliebe solche Frauen, die keine Fragen stellen, die nicht wissen wollen, warum er gerade unfreundlich ist oder wieder einmal untreu war, Frauen, die Liebe und Zärtlichkeit geben, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. [. . .] Es gibt Sänger, deren Repertoire es erfordert, in einem Konzert die einzelnen Nummern wohldosiert einzusetzen, um das Interesse des Publikums wachzuhalten. Cohen hat es nicht nötig, solche Spannungsbögen zu ziehen. Obwohl sich seine Songs mit ihren wiegenden Dreivierteltakten im Rhythmus gleichen, obwohl bestimmte Harmonien des öfteren wiederkehren, kann man beim Publikum kein Nachlassen der Aufmerksamkeit spüren.«

Leonard Cohen steht an diesem Abend beinahe drei Stunden auf der Bühne, verzichtet fast völlig auf Zwischenansagen und absolviert ein Programm mit über 30 Titeln. Zwischen die tonangebenden lyrischen Songs fließt der eine oder andere härtere, fast als Rocknummer gespielte, ein. Auch wenn Cohen manchen Song zweimal singt: nie kopiert er sich selbst, jede neue Interpretation weicht von der vorherigen ab, nicht selten auch von der Schallplattenversion.

V. Das Saarbrücker Konzert-Plakat

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