KW-04-2016: Leonard Cohen und … Barcley James Harvest – von Christof Graf (Part I) Das Aushängeschild des “Prog Rocks” (Progressive Rock) der 70er und 80er Jahre geht 2016 wieder auf Tournee. Zumindest eine der beiden Varianten der verbliebenen zwei Bandvariationen. Mit Leonard Cohen hat das nicht so viel zu tun, aber John Lees ist ein weiterer Künstler der Populären Musik, der Leonard Cohen als großen Singer/ Songwriter sieht.

BJH-in-ZW-Poster

Suffix contra Präfix

Nach “Barclay James Harvest featuring Les Holroyd” geht nun

„John Lees` Barclay James Harvest“ auf Tournee: Die Erinnerung ist, was bleibt

 

Text & Fotos von:

Prof. Dr. CHRISTOF GRAF

 

„Barclay James Harvest“ ist eine jener Bands, die das Buch der Rockgeschichte um ein weiteres Kapitel ergänzen. Hits wie „Life is for Living“ oder „Hymn“ und Alben wie „Gone to Earth“ (1977) oder “Eyes of the Universe“ (1979) bestimmten die Charts der 70er und 80er Jahre. Sensationelle Tourneen machten die britische Progressive-Rockband genauso berühmt wie ihre musikalische Differenzen, die 1998 schließlich zum Split und damit zu zwei Band-Varianten der Ur-Mitglieder führten. Les Holroyd trat mit dem als Suffix geführten Bandnamen “Barclay James Harvest featuring Les Holroyd” auf. Das andere Gründungsmitglied, John Lees, der den Bandnamen als Präfix („John Lees` Barclay James Harvest“) führt, geht 2016 mit seinem aktuellen Album „North“ wieder auf Tournee.

 

17 Studio- und vier Live-Alben spielten Barclay James Harvest (BJH) seit der Gründung 1967 ein. Songs wie „Loving is Easy“, „Child of the Universe“ oder der wohl berühmteste mit dem Namen „Hymn“ wurden Ende der 70er/ Anfang der 80er zu Chartbreakern. Ihr wohl geschichtsträchtigstes Konzert gab die britische Band am 30. August 1980 auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin. Über 200.000 hörten, nur ein paar Meter vor der ehemaligen „Mauer“ entfernt, ein Konzert, das auch Fans aus der damaligen DDR – wenn auch nicht zu sehen, aber zu hören bekamen. Der dazugehörige Live-Mitschnitt „Berlin – A Concert for the People“ gehört zu den ganz großen Rock-Live-Alben.

Doch der einstige „Fantasy-Rock“ unterlag Ende der 80er dem Zeitgeist. BJH, mittlerweile personell sehr geschrumpft und zeitweise gar nur in der Zweierbesetzung John Lees und Les Holroyd existent, lieferten in den 90ern gerade einmal drei Alben ohne allzu grosse Akzeptanz ab. Es war offensichtlich: Die beiden Gründungsmitglieder hatten unterschiedliche Ansichten über die musikalische Zukunft der Band. Die beiden beschlossen sich nicht zu trennen, sondern zwei Solo-Album aufzunehmen: „BJH through the eyes of John Lees“ und „BJH through the eyes of Les Holroyd.“

John Lees Solo-Album namens „Nexus“ (1999), der darauf mit einem ehemaligen BJH-Mitglied namens Woolly Wolstenholme (verstorben im Jahre 2010) zusammenarbeitete, wurde als erstes fertig. „Es war nicht einfach, nach zwanzig Jahren, in denen wir menschlich immer weniger miteinander zu tun hatten, noch einmal die Musik von BJH zu überdenken“, sagt Lees. „Außerdem konnte ich Woolly auch nur unter der Bedingung dafür gewinnen, dass wir uns lediglich auf die Ära beschränkten, in der er auch zu BJH gehörte. Also wählten wir einige der Klassiker wie z.B. „Hymn“ und „Mocking Bird“ und schrieben für „Nexus“ noch einige neue Songs, von denen wir dachten, dass sie zur musikalischen Zukunft von BJH gehören. Das Paradoxe war, dass es einfacher erschien, neue Songs zu schreiben, als die alten Klassiker in ein neues musikalisches Gewand zu kleiden.“ Das Ergebnis konnte sich jedoch sehen lassen. „Nexus“ wurde ein typisches BJH-Album, weniger keyboardlastig, eher gitarrenorientiert und in der Tradition klassischen Singer/ Songwritertums im Stile von Bob Dylan, Neil Young oder Leonard Cohen – und schaffte es zudem kein Aufguss von bereits Gehörtem zu werden.

Aus der Kreativpause der Band wurde ein Split, der zu zwei Bandvariationen führte. Gitarrist und Sänger John Lees tourte jedoch aufgrund juristischer Streitigkeiten bis 2005 zunächst als “Barclay James Harvest Through the Eyes of John Lees” (BJHTTEOJL), bevor er sich bis heute „John Lees` Barclay James Harvest“ (JLBJH) nennen durfte und bis dato sechs Alben publizierte.

Les Holroyd, der zweite musikalische Kopf der Band und ebenfalls Gründungsmitglied, firmiert seitdem als „Barclay James Harvest featuring Les Holroyd (BJHFLH)“ und brachte vier Alben heraus, darunter jenes „Classic Meets Rock“-Album, das er u.a. 2009 in Zweibrücken vorstellte.

2013 veröffentlichte „John Lees` Barclay James Harvest“ das derzeit aktuelle Studioalbum „North“. Es ist die erste Studio-CD der Formation seit dem Album „Nexus“ von 1999. Zur Band zählen neben Gründungsmitglied John Lees (Gesang, Gitarre) noch Craig Fletcher (Gesang, Bass), Jez Smith (Keyboards, Gesang) und Kevin Whitehead (Schlagzeug, Percussion). Die neun Songs der neuen CD wurden von allen Mitgliedern der Band geschrieben. Sein Weggefährte und Keyboarder Woolly Wolstenholme verstarb jedoch schon 2010.

Mit „North“ sind John Lees´ Barclay James Harvest Kompositionen gelungen, die vielschichtig und reflektierend sind. Stilistisch orientieren sich die meisten Songs an der klassischen Tradition der Barclay James Harvest-Songs, erweitern diese Basis aber mitunter mit neuen Soundelementen. Dazu kommen nachdenkliche Texte, so zum Beispiel beim Titel „Ancient Waves“, einem Lied, das von der Situation im Irak inspiriert ist. Die Wurzeln der Band werden im Titelsong sowohl musikalisch als auch lyrisch dokumentiert. „North“ ist einer von mehreren epischen, vielschichtigen Songs des Albums wie beispielsweise ebenso „On Leave“ oder das bereits erwähnte „Ancient Waves“. Daneben überrascht das rockige „The Real Deal“ mit treibenden Gitarrenriffs. Das abschließende „The End Of The Day“ basiert auf einem Gedicht des nordenglischen Dichters Ammon Wrigley (1861-1948) vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Die Erinnerung ist stets, was bleibt“, so John Lees bei den Pressegesprächen zu „North“. Und so sind alte Songs wie „Hymn“ zwar nicht auf dem neuen Album enthalten, „dafür aber im aktuellen Live-Programm, das z.B. als semi-akustische Version interpretiert wird“, wie John Lees verrät.

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Fotos: Christof Graf

Tourdaten 2016:

•15. April: Karlsruhe Konzerthaus

•16. April: Hagen Stadthalle

•17. April: St. Wendel Saalbau

•26. April: Echternach, Luxembourg, Trifolion

•27. April: Merzig Stadthalle

•30. April: Zweibrücken Festhalle

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